Politische Kultur als Erklärungsansatz für das Verhalten von Staaten

von carolsinger

Dieser Handbuchartikel wird sich um das Konzept der Politischen Kultur drehen. Zunächst wird es um die Anfänge der politische Kulturforschung gehen. Im Folgenden werde ich den Begriff in Anlehnung an Almond/Verba (1963) definieren. Schließlich beziehe ich mich auf Duffield (1999) um der Frage nachzugehen, wie Politische Kultur das Verhalten von Staaten bedingen und erklären kann, bzw. welcher kausale Zusammenhang zwischen Kultur und Verhalten besteht.

Eingeführt wurde der Begriff der Politischen Kultur in ihrem Werk “The Civic Culture“ von Almond und Verba 1963. Bis zu diesem Zeitpunkt beinhaltete politikwissenschaftliche Forschung lediglich die Betrachtung politischer Institutionen oder Eliten. Die Bevölkerung eines Staates hingegen war dafür nicht relevant. Hintergrund für die Studie der beiden US-amerikanischen Wissenschaftler waren zum einen Veränderungen auf der wissenschaftlichen Ebene, wie zum Beispiel die Entwicklung systemtheoretischer Ansätze, des Behaviorismus und der Umfrageforschung. Hierbei spielte der Bürger im Gegensatz zu vorher eine entscheidende Rolle. Auf der anderen Seite trugen eine ganze Reihe von historischen und politischen Entwicklungen zu einem Umdenken bei. Dazu zählen z.B der Kalte Krieg sowie in Deutschland die Wiedervereinigung.(Westle/Gabriel 2009:14f)

Definiert wird Politische Kultur in dem Werk von 1963 als „[…] particular distribution of patterns of orientation toward political objects among the members of the nation.“ (Almond/Verba 1963: 14f) Der Terminus bezieht sich also auf die gesamte Bevölkerung einer Nation und deren grundlegende politische Vorstellungen, Paradigmen und Urteile über die Politik. Diese wachsen historisch über einen langen Zeitraum und werden durch Sozialisierungsprozesse über Generationen hinweg weitergegeben. Daher sind Politische Kulturen besonders stabil und können sich nur durch tiefgreifende Umbrüche verändern. Weiterhin ist der Begriff ein Merkmal des Kollektivs, welcher eine Brücke schlägt zwischen dem Individuum und den politischen Institutionen. (Westle/Gabriel 2009:16f.)

Der Gesamtheit der politischen Institutionen also der ‚Politischen Struktur‘ steht die Politische Kultur‘ als Pendant gegenüber. Letzteres führt zu der forschungsleitenden Hypothese der Politischen-Kultur-Forschung. Diese besagt, dass eine Kongruenz zwischen ‚Politischer Kultur‘ und ‚Politischer Struktur‘ die innere Stabilität und das Überleben eines politischen Systems sichert. Im Umkehrschluss kann es durch eine bestehende Inkongruenz zu Krisen und einem Zusammenbruch des Systems kommen. (Westle/Gabriel 2009:13f)

Um nun aber das Verhalten der Staaten auf internationalen Ebene erklären zu können, muss zunächst betrachtet werden, worin der kausale Zusammenhang zwischen der Politischen Kultur eines Staates und dessen Verhalten besteht. Duffield führt hierzu vier Aspekte an. Erstens werden mithilfe der Kultur die grundsätzlichen politischen Ziele eines Kollektivs definiert. Weiterhin forme sie die Art und Stärke der Wahrnehmung und Interpretation der äußeren Umwelt des Kollektivs. Drittens beschränke die Politische Kultur den theoretisch zur Verfügung stehenden politischen Handlungsspielraum und dessen Mittel um nationalstaatliche Interessen im internationalen Bereich durchzusetzen. Zusammenhängend damit habe die Kultur einen großen Einfluss auf die Bewertung der zur Verfügung stehenden Mittel und die Auswahl dieser. (Duffield 1999: 771f)

Aufgrund dieser kausalen Verbindung, könnte man von der relativen Stabilität der Politischen Kultur, gleichwohl eine gewisse Kontinuität im Verhalten eines Staates ableiten. Diese Hypothese wiederum würde sich anbieten um Fälle zu erklären, bei denen trotz veränderter äußerer Umstände, Staaten unerwarteter Weise konstant reagieren. (Duffield 1999:772)

Ein anderer Aspekt der Politischen Kultur, nämlich ihre Spezifik, eignet sich, um Situationen zu erklären, bei denen zwei Staaten, die im internationalen System relativ ähnlich situiert sind, außenpolitisch unterschiedlich reagieren. (Duffield 1999:770)

Autor: C. Herrmann

Literatur:

  • ALMOND, Gabriel A./VERBA, Sidney: The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in five Nations. (Princeton University Press 1963)
  • DUFFIELD, John S.: Political Culture and State Behavior: Why Germany Confounds Neorealism . IN: International Organization, Vol. 53, No. 4 (Herbst, 1999), S. 765-803
  • WESTLE, Bettina/ GABRIEL, Oscar (Hrsg.): Politische Kultur – Eine Einführung. (Nomos 2009)
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