Neue Kriege

von ingagrei

 

Die Begrifflichkeit Neue Kriege (N.K.) ist eine Wortneuschöpfung um die Veränderungen in Qualität und Quantität bewaffneter Konflikte seit dem Ende des Kalten Krieges zu beschreiben. Der Terminus N.K. geht von einer tiefgreifenden Veränderung des Kriegsgeschehens aus. Er ist im wissenschaftlichen Diskurs sowohl methodisch, als auch inhaltlich umstritten. Die Debatte erstreckt sich auch in die politische Dimension. Hierbei sind besonders sicherheitspolitische Konsequenzen, die sich aus den N.K. ergeben, relevant. Aufgrund seiner wissenschaftlichen und politischen Relevanz erhält die Debatte um die N.K. große Intensität und Beachtung. Ebenfalls verstärkt wird die Aufmerksamkeit durch die Terrorismusdebatte, die seit den Anschlägen vom 11.9.2001 starke Medienpräsenz aufweist. Geographisch sind N.K. besonders in Afrika, in Zentral- und Südamerika und einem langen Bogen vom Balkan über den Nahen Osten bis nach Indonesien verortet.

N.K. sind gekennzeichnet durch eine Zunahme von teilprivaten Interessenvertretern, die das staatliche Machtmonopol untergraben; dies ist auch an der Finanzierung der Kriege sichtbar. Es ist nicht mehr die wirtschaftliche Leitungsfähigkeit eines Staates von ausschlaggebender Bedeutung, sondern Verbindungen der teilprivaten Kriegsinteressenten zu Kanälen der Kriminalität und Schattenglobalisierung (Eppler 2002). N.K. zeichnen sich meist durch asymmetrische Kampftechniken mit Einbezug der Zivilbevölkerung und einem Rückgang von schweren Kriegswaffen aus; eine zunehmende Brutalisierung, die Konventionen missachtet und sich in Genoziden und Massenvergewaltigungen ausdrückt; eine Verlängerung der Kriegsdauer, Zählweise nicht mehr in Monaten oder Jahren sondern in Dekaden.

Martin van Creveld begründete 1991 das Theorem, welches von Mary Kaldor und Herfried Münkler erweitert wurde. Bei allen drei Autoren treten die klassischen alten zwischenstaatlichen Kriege in den Hintergrund und werden von den N.K. abgelöst.

Gegner des Theorems weisen daraufhin, dass viele der neuen Merkmale nicht neu sind, sondern z.B. bei Revolutionen und Kolonialkriegen Anwendung fanden. Ein anderes Gegenargument stellt die Definition des Krieges dar. Einige N.K. sind eher bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Banden und keine Kriege. Diese beiden Argumente sind nicht gemeinsam anwendbar, da sie sich argumentativ ausschließen. Während das erste Argument den Typus des alten Krieges stützt, wendet sich das Zweite ausdrücklich dagegen. Weiterhin wird die eurozentrische Betrachtungsweise kritisiert. Besonders den 30jährigen Krieg als Muster für heutige N.K. anzulegen, erscheint zweifelhaft, da die gegenwärtigen Konflikte meist außerhalb der europäischen Hemisphäre liegen. Hier wären, um Veränderungen im Kriegsgeschehen beschreiben zu können, Analysen der ortsüblichen Kriege nützlicher. In diesem Zusammenhang steht ebenfalls der Einwand, dass Krieg kein starres Konstrukt ist. Er hat sich im Laufe der Zeit mehrfachen Wandlungen, wie z.B. der Einführung der Artillerie oder des stehenden Heeres, unterzogen.

Die These vom Wandel der Kriegsformen in der Konflikt- und Friedensforschung ist umstritten. Einige kritische Stimmen mahnen an, dass weniger die Veränderungen im Mittelpunkt der Diskussion stehen sollten, sondern die Möglichkeiten der sicherheitspolitischen Reaktionen Gegenstand der Debatte sein sollte (Matthies 2002).

von I.Greiner

Literaturverzeichnis:

Brzoska, Michael, 2004: ‘New Wars’ Discourse in Germany. In: Journal of Peace Research. Nr. 1/2004, S. 107-117. o.O.

Eppler, Ehrhard, 2002. Vom Gewaltmonopol zum Gewaltmarkt. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Frech, Siegfried/Trummer, Peter I., 2005. „Einleitung – Neue Kriege.“ In: Frech, Siegfried/Trummer, Peter I. (Hg.). Neue Kriege. Akteure, Gewaltmärkte, Ökonomie. Schwalbach: WOCHENSCHAU Verlag.

Kalyvas, Stathis N., 2001. “New” and “Old” Civil Wars: A Valid Distinction? In: World Politics 54/2001. S. 99-118. o.O.

Matthies, Volker, 2002. „Eine Welt voller neuer Kriege?“ In: In: Frech, Siegfried/Trummer, Peter I. (Hg.). Neue Kriege. Akteure, Gewaltmärkte, Ökonomie. Schwalbach: WOCHENSCHAU Verlag.

Münkler, Herfried, 2002. Über den Krieg. Stationen der Kriegsgeschichte im Spiegel ihrer theoretischen Reflexion. Weilerswist: Velbrick.

Schimmelfennig, Frank, 2010. Internationale Politik. Paderborn: Schöningh Verlag.


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